In den vergangenen Wochen war in Medien und Fachblogs zu lesen, das IPCC habe das Klimaszenario RCP8.5 als implausibel eingestuft oder gar abgeschafft. Diese Darstellung ist nicht richtig, daher bemüht dieser Artikel eine Einordnung des Themas.

Das IPCC hat sich am 20. Mai 2026 öffentlich zu dieser Berichterstattung geäußert. Darin stellen sie klar, dass das zitierte Paper nicht vom IPCC stammt. Es wurde von Klimaforschern unter Koordination des World Climate Research Programme erstellt. Das IPCC betreibt keine eigene Forschung, führt keine Modelle aus und besitzt auch keine eigenen Szenarien. Es bewertet nur Literatur. Das zitierte Paper wird das IPCC im Rahmen des kommenden Sachstandsberichts analysieren, bisher hat das IPCC dieses aber weder geprüft noch übernommen.

Für die Praxis der Klimarisikoanalyse ist diese Unterscheidung essenziell. Viele Berichte in Unternehmen stützen sich auf Szenarien, die das IPCC in seinen Sachstandsberichten zusammenfasst. Wer hier den Stand einer Forschergruppe als offizielle Bewertung versteht, läuft gefahr, Fehler bei der eigenen Berichterstattung zu machen.

Was wurde tatsächlich veröffentlicht?

Am 7. April 2026 ist in der Fachzeitschrift Geoscientific Model Development das Paper „The Scenario Model Intercomparison Project for CMIP7“ erschienen. Die Autoren sind Detlef van Vuuren vom niederländischen PBL sowie vielzählige weitere Autoren, darunter Reto Knutti (ETH Zürich), Keywan Riahi (IIASA) und Pierre Friedlingstein (Exeter).

Das Paper beschreibt das Szenarien-Framework für CMIP7, also die siebte Phase des Coupled Model Intercomparison Project. CMIP ist eine Forschungsinitiative unter dem Dach des World Climate Research Programme. Die im Paper definierten Szenarien werden in Earth System Models eingespeist. Deren Ergebnisse fließen über die Begutachtung durch IPCC-Autorenteams in die Sachstandsberichte ein. CMIP7 wird die Modellgrundlage für den siebten Sachstandsbericht AR7 bilden, der voraussichtlich 2028 bis 2029 erscheint.

Weder ScenarioMIP noch CMIP sind Teil des IPCC, wie das IPCC selbst in ihrem Statement vom 20. Mai 2026 erneut klarstellte.

Die Einstufung der hohen Emissionsszenarien

Das Autorenteam stuft das Szenario SSP5-8.5 als implausibel ein. SSP5-8.5 war in der Vorgängerphase CMIP6 das höchste Emissionsszenario und hat das frühere RCP8.5 abgelöst. Die Begründung im Paper: „on the high-end of the range, the CMIP6 high emission levels (quantified by SSP5-8.5) have become implausible, based on trends in the costs of renewables, the emergence of climate policy and recent emission trends (Hausfather and Peters, 2020).“

Was ändert sich am unteren Ende?

In der medialen Berichterstattung wurde fast ausschließlich die High-End-Anpassung diskutiert. Weniger Aufmerksamkeit bekam die Tatsache, dass auch das Best-Case-Szenario verschoben wurde. Das Paper nennt SSP1-1.9, das bisherige niedrigste Szenario, in derselben Kategorie wie SSP5-8.5 als implausibel: „At the low end, many CMIP6 emission trajectories have become inconsistent with observed trends during the 2020–2030 period.“

Konsequenterweise formulieren sie beim neuen Very-Low-Szenario: „At this point of time, some overshoot of the 1.5 °C seems unavoidable.“ Das alte SSP1-1.9 ging davon aus, dass die 1.5°C-Marke ohne nennenswerten Overshoot eingehalten werden kann. Das neue Very-Low-Szenario akzeptiert einen Overshoot und versucht, die Erwärmung durch Net-Negative-Emissionen in der zweiten Jahrhunderthälfte wieder unter 1.5°C zu drücken.

Auch diese Bewertung ist die Position der Forscher hinter dem Paper. Wie das IPCC die Aussage im Rahmen des AR7-Assessments einordnet, ist offen.

Wie sieht die neue Szenarien-Architektur aus?

CMIP7 sieht sieben Szenarien vor: High (H), High-to-Low (HL), Medium (M), Medium-to-Low (ML), Low (L), Very Low (VL) und Low-to-Negative (LN). Der erwartete Temperaturkorridor für 2100 reicht von ungefähr 1,5°C bis fast 3,5°C über vorindustriellem Niveau.

Methodisch hat das Autorenteam mehrere Anpassungen vorgenommen. Die Szenarien sind auf Beobachtungsdaten aus 2023 harmonisiert. Im CMIP6-Set war das Referenzjahr noch 2014. Die meisten Modellläufe werden im sogenannten emission-driven mode gerechnet. Dadurch werden Rückkopplungen des Kohlenstoffkreislaufs auf Klimaveränderungen besser abgebildet. Es gibt zudem Langzeit-Extensions bis 2500, um Reversibilität und Kipppunkte zu untersuchen.

Zeke Hausfather, der die Plausibilitätsdebatte um RCP8.5 mit angestoßen hat, ordnet im Climate Brink ein, dass die schlimmsten Klimafolgen dieses Jahrhunderts durch diese Revision nicht vom Tisch sind. Das Medium-Szenario landet 2150 bei rund 3,7°C. Das neue High-Szenario erreicht nach 2100 ähnliche Temperaturen wie das alte RCP8.5, nur zeitverzögert. Die Lesart, der vermeintliche Klima-Alarmismus sei wissenschaftlich widerlegt, ist somit nicht haltbar.

Konsequenzen für die Klimarisikoanalyse

Klimarisikoanalysen nach EU-Taxonomie und CSRD arbeiten typischerweise mit mindestens zwei Szenarien. Ein Pfad bildet einen ambitionierten Mitigationskorridor ab, häufig RCP2.6 oder SSP1-2.6. Das zweite Szenario dient als Stresstest für physische Risiken und ist in der Praxis oft RCP8.5 oder SSP5-8.5. Diese Konvention findet sich in zahlreichen Berichten und in Tools verbreiteter Datenanbieter.

Mit dem ScenarioMIP-Paper verschiebt sich die wissenschaftliche Grundlage, auf die sich diese Berichte stützen. Eine regulatorische Anpassungspflicht ergibt sich daraus aktuell nicht. Die offiziellen Stellen haben sich bislang nicht positioniert. Eine offizielle Bewertung dieser Forschungsergebnisse durch das IPCC steht beispielsweise noch aus. Sie erfolgt frühestens mit dem AR7. Bis dahin bildet der 6. Sachstandsbericht weiterhin den offiziell etablierten Stand der Wissenschaft, und auf dessen Szenarien lässt sich in Klimarisikoanalysen weiter aufsetzen.

Wer eine Klimarisikoanalyse aktualisiert oder eine neue aufsetzt, sollte das ScenarioMIP-Paper kennen und die politische und methodische Diskussion verfolgen. Eine unmittelbare Überarbeitung bestehender Berichte verlangt der aktuelle Stand nicht. Bis es regulatorische Klarheit gibt, ändert sich nichts an der bisherigen Vorgehensweise für Ihre Klimarisikoanalyse.

Fazit

Die offizielle und politische Aufarbeitung der neuen Erkenntnisse der Wissenschaft beginnt nun mit der Veröffentlichung des viel zitierten Papers. Bis dahin gilt: Das ScenarioMIP-Paper ist ein wissenschaftliches Update aus der Klimaforschung. Es ist weder ein Beschluss des IPCC noch eine offizielle Revision der UN-Klimaeinschätzung.

Somit bleiben Sie bei Ihrer Klimarisikoanalyse bei Ihrer bisherigen Methodik. Wenn Sie Tools/Software nutzen, lohnt sich eine entsprechende Nachfrage bei Ihrer Ansprechperson, es ist aber nicht davon auszugehen, dass sich hier etwas ändert, bis die entsprechenden politischen Prozesse nicht durchlaufen sind. Verfolgen Sie hier am besten die Debatte.

Bei Fragen zum Thema melden Sie sich auch gerne per E-Mail bei uns, wir helfen Ihnen gerne weiter.

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